Segelgedanken III

Je länger ich darüber nachdenke, desto eher komme ich zu dem Schluss, dass mein gegenwärtiges Glück nicht der Grund für meine Teilnahme an diesem Urlaub ist. Ich kann mich erinnern, dass Segeln mich als Kind glücklich gemacht hat. Darum sage ich den Urlaub immer schon zu, bevor ich überhaupt nachdenke, ob er gerade das Richtige für mich ist. Segeln zu gehen ist eine Gewohnheit.

Das soll nicht unbedingt heißen, dass Segeln mich jetzt nichtmehr glücklich macht. Aber macht es mich glücklich? Und wenn ja, warum? Meistens kann ich sehr klar bestimmen, was mich am Glücklichsein hindert. Eine positive Aussage fällt mir schwerer. Es gibt Menschen und Tätigkeiten, die ich mit Glück verbinde und aufzählen könnte. Aber was haben sie gemeinsam? Gibt es überhaupt nur eine Form von Glück? (Antwort: Natürlich nicht).
Ich habe den Verdacht, dass ein Biologe aus dem richtigen Fachgebiet mir dazu mehr erklären könnte… und dass diese Erklärung bei mir, trotz ihrer Wissenschaftlichkeit, ein unvollständiges Gefühl hinterlassen würde.

Segelgedanken II

Mein Tag beginnt unfreiwillig und unnötigerweise um fünf Uhr morgens. Weil ich vorher sowieso nicht mehr schlafen kann, mache ich also einen kleinen Spaziergang. Es ist kein Sonnenaufgang zu sehen, aber zwischen den Wolken hat der Himmel schon blaue Flecken. Ich denke daran, dass so ein morgendliches Foto für den Tagebucheintrag heute nicht schlecht wäre, sehe aber nichts, was ich gern fotographieren würde. Nichtmal Vögel sind unterwegs, nur irgendwo außer Sicht schreien ein paar Möwen. Auch nicht die passende Geräuschkulisse für einen romantischen Morgen, also lege ich mich wieder hin.

Meine Fotomotive finde ich, als wir gegen Mittag durch ein kleines Dorf laufen, das etwa so viele Einwohner hat, wie unser Nachbarsdorf zuhause. Es ist nur etwas hübscher. Nachdem kürzlich eine Bekannte die Frage aufstellte, weshalb Menschen überhaupt in Urlaub fahren, treibt mich der Gedanke häufiger um. Wieso eigentlich Urlaub? Ich hatte mich für halbwegs entspannt gehalten. Aber wenn ich darauf achte bemerke ich, dass mein Atem nicht ganz frei geht und ich dauernd die Kiefermuskeln anspanne. In Wahrheit bin ich also (noch?) nicht entspannter, als wenn ich zuhause auf dem Sofa liege und einen Film sehe, eher weniger. Trotzdem muss es ja irgendetwas geben, das mich an diesem Urlaub besonders glücklich macht. Denn sofern keine anderen Werte im Weg stehen, tun glaube ich die meisten Menschen ersteinmal das, was sie glücklich macht. Und welche anderen Werte könnten meine Entscheidung für Urlaub schon beeinflusst haben?

Segelgedanken I

Es ist der erste Tag des diesjährigen Segelurlaubs. Heute ist außerdem ein Tag, der mit wichtigen Kindheitsklischees bricht: Weder der Himmel noch das Wasser ist blau. Am Horizont türmen sich dunkel-stahlgraue Wolken und das Meer ist Trollgrün mit weißen Schaumkronen. Am Anfang scheint über uns noch die Sonne. Durch das Licht ziehen kleine weiße Vögel mit schwarzem Kopf, die aussehen wie kleine Möwen aber eigentlich keine sind. Wenig später beginnt es zu regnen, die Wellen werden ein klein wenig höher. Meine tierischen Instinkte denken wahrscheinlich, ich befinde mich in Lebensgefahr. Das würde diese angenehme Leere erklären, die sich in meinem Kopf ausbreitet. Während über und unter mir Wasser ist, denke ich nicht an das, was ich diesen Sommer noch zu erledigen habe. Gefühle jeder Art werden am Rande des Bewusstseins bis weit unter die Schmerzgrenze verdrängt. Übrig bleiben der Regen, der Wind und meine Faszination für diese unwirklichen Farben, für die Vögel, die sich an dem Wetter nicht zu stören scheinen… Es ist eine Flucht. Aber für den Augenblick tut sie gut und damit hat sie ihren Zweck wohl erfüllt.

Sommersturm

Spürst du es? Heute zittert die Luft, weich und zärtlich, wie ein Windhauch im Sommer. Schließ die Augen und höre die Welt still stehen. Sie lauscht deinem Herzschlag. Lausche du ihrem Zittern.
Heute liegt eine Ruhe in jedem Stein. Eine Ruhe in jedem Atemzug. Von weit her weht der Wind und er bringt dich zum Zittern. Eine Vorfreude, wie Verliebtsein, nur unerforschter, wie das Gegenteil von unfassbarer Wut.
Was immer dich erfüllt, es braucht dich jetzt. Wind erhebt sich in deinen Haaren und fährt durch dein Gesicht. Ein Herzschlag, flatternd wie ein Vogel, will plötzlich stark und unantastbar sein. Jede Geste, jedes Wort und Ton, verwandelt nun ein Zittern in einen Sommersturm und alles dreht sich nur um dich.
Es ist ein Orkan, der die Wände davonreißt und von dort wo du stehst lässt du Berge wachsen. Du bist wie ein Engel. Deine Schultern schmerzen am Flügelansatz und deine Schwingen breiten sich aus, bis hinaus in den Sonnenaufgang.
In diesem einen Moment lässt sich alles ändern. Um dich herum zittert die Welt.
Hörst du es flüstern? Da weht ein Wind durch deine Federn.
Sei ein Schmetterling. Entfache den Sommersturm, mit einem Flügelschlag.

Der Mann vom Silbersee

An manchen seltsamen Tagen fällt einem die Müdigkeit wie weiße Schleier vor die Augen. Und während man sich in der Gewissheit wähnt, dass man wach und den Umständen entsprechend konzentriert ist, treibt der Geist weiter und lässt einen zurück, wo auch immer man dann ist. Als der Schleier sich wieder erhob war ich nicht dort, wo ich dachte zuvor gewesen zu sein. Ein Traum forderte sein uraltes Recht, immer der Wahrheit zu entsprechen, egal was die Welt ansonsten dazu sagt.

Ich spürte das Chaos lange bevor es mich, bevor ich es, erreichte.
Es war eine von Farben durchsetzte Schwärze, ein Strudel, der nicht das ganze Blickfeld ausfüllte und doch alles andere verdeckte. Alles andere, auf das ich zuvor einen flüchtigen Blick hatte erhaschen können, von dem ich mich aber nicht erinnern konnte, worum es sich gehandelt hatte.
In einer Ecke steht ein Haus. Ohne Wand. Mit einem Dach, das von vier dünnen Stäben getragen wird und sich beinahe auflöst. Es ist bewohnt von Geistern. Sie kommunizieren mit mir und verhalten sich, als wären sie Menschen. Das Chaos fließt durch die Fenster herein und fordert meine Aufmerksamkeit, indem es sich wie ein durchscheinendes Seidentuch über die Szenerie legt. Es hat etwas aufblühendes, in meiner Angst zu versinken.
Im Innenraum des Hauses zieht die Bar an mir vorbei. Stühle und Tische, goldgeschnitzte Säulen und Flügeltüren öffnen sich zu einer atemberaubenden Landschaft. Das Wasser berührt beinahe meine Füße. In einem silbernen Fluss windet es sich langsam bergab. Ich kenne diesen Fluss. Er floss vor beinahe drei Jahren aus der Feder meines Lieblingsfüllers. Das Meer ist kleiner geworden seitdem. Es ist fast nur noch ein See. An seinem Ufer grasen Pferde mit schwarzem Fell. Sie fressen den Goldregen, dessen Äste wie bei einer Trauerweide über die Wasseroberfläche streifen. Die Ruhe in meinem Herzen droht jeden Moment überzulaufen.

Hast du mir ein Geschenk mitgebracht?
Dachte der Silber. Er steht neben mir und sieht wie ich aufs Meer hinaus. Es schimmert grau und der Mond spiegelt sich darin. Daneben steht ein schwarzes Ross und blickt zum Trauerregen hinauf.
Diesmal noch nicht, sprach ich zur Antwort. Doch wir werden uns wiedersehen.

Als der Schleier sich wieder erhob in dem Saal, der gefüllt mit Menschen und Konzentration, solange auf mich gewartet hatte, da war mein Stift nicht dort, wo ich dachte zuvor gewesen zu sein und die Worte auf dem Papier kannte ich nicht.