Eine Lebensgeschichte

Die kurze Erzählung einer wahren Lebensgeschichte. Aus Rumänien.

Die Tagesstätte für körperlich und geistig schwer beeinträchtigte Kinder und Jugendliche liegt eine halbe Autostunde von der nächsten größeren Stadt entfernt. Eigentlich sollen die Kinder hier nur bis zu ihrem 18 Lebensjahr betreut werden, doch wenn Plätze frei sind, dürfen sie länger bleiben.
Nicht alle Kinder hier sind von ihrem Elternhaus her sozial benachteiligt. Viele aber schon.

Das Mädchen von dem ich erzählen möchte ist 16 Jahre alt. Sie hat, bedingt durch ihre Krankheit, keinerlei Geduld. Sie kann nicht still sitzen, redet ununterbrochen. Ihre Hände verknoten sich dabei unkontrolliert und hektisch, solange sie nichts anderes zu tun hat. Gibt man ihr etwas anderes zu tun, so tut sie es so schnell wie möglich. Sich zu konzentrieren fällt ihr unfassbar schwer.
Ihr familiäre Situation ist kompliziert. Sowohl Vater als auch Mutter sind geistig leicht beeinträchtigt, ihre beiden Brüder sind es nicht. Der ältere der beiden arbeitet im Ausland, die Mutter hat einen kleinen Job, der Vater hilft von Frühjahr bis Herbst in einem anderen Dorf bei der Gartenarbeit.
Ursprünglich hatte das Mädchen eine Nachmittagsbetreuung für alle Kinder besucht. Erst während diesem Programm fiel ihre Beeinträchtigung das erste Mal wirklich auf. Zuvor hatte sie keinerlei Papiere über ihre Einschränkung, auch über ihre Eltern gibt es höchstwahrscheinlich diesbezüglich keine Unterlagen. Die Situation ist kein Einzelfall.
Wirklich schwierig wird es allerdings durch die fernere Verwandtschaft. Der Bruder des Vaters ist Ingenieur und Politiker, der durch die Familie des Mädchens einen Fleck auf seinem Lebenslauf befürchtet. Er hat durchgesetzt, dass das Mädchen zeitweise eine Schule in der Stadt besucht hatte, wo sie zusammen mit ihrem jüngeren Bruder in einer Klasse war. Von Seiten der Tagesstätte wurde das Vorhaben von Anfang an nicht unterstützt. Es gibt in der Stadt keine Schule mit einer integrativen Klasse. Das Erlebnis war sowohl für das Mädchen als auch für ihren jüngeren Bruder katastrophal. Am Ende weigerte sie sich, weiter diese Schule zu besuchen und kehrte in die Tagesstätte zurück.
Die strukturellen Defizite, die einen Schulbesuch unmöglich machen, lassen auch die Zukunft des Mädchens dunkel aussehen. Die Betreuer der Tagesstätte sprechen ihr eine hohe praktische Intelligenz zu und glauben, dass sie unter ein wenig Anleitung später gut allein wohnen könnte. Doch die in Frage kommenden Einrichtungen nehmen nur noch Menschen direkt aus der Kernstadt, da sie vollkommen überlaufen sind. Zudem ist offen, ob die Mutter einem solchen Umzug überhaupt zustimmen würde, da sie selbst mit dem Haushalt überfordert und auf die Hilfe ihrer Tochter angewiesen ist.

Für viele der dort untergebrachten Kinder ist die Tagesstätte der einzig mögliche Anlaufpunkt. Die spezialisierten Einrichtungen in der Stadt haben nicht genügend Plätze, zudem haben die Eltern in vielen Fällen keine Möglichkeit, ihre Kinder dorthin zu bringen.
Das Projekt der Tagesstätte bekommt Spenden, auch aus Deutschland und Österreich, es ist lose an die Caritas angebunden. Trotzdem herrscht gravierender Personalmangel, die Löhne der Betreuer sind erschreckend niedrig, durch das fehlende Personal fehlen auch wieder Plätze für weitere Kinder, es gibt eine Warteliste.
Leider sind die meisten der abgegebenen Spenden an Sonderaktionen gekoppelt. Wie zum Beispiel an den Kauf eines neuen Autos oder Kühlschranks. Kaum etwas wird für den alltäglichen Betrieb und die dauernd anfallenden Rechnungen gespendet. Der Staat deckt weniger als 12% der laufenden Kosten.

Reich beschenkt

Es ist der 19. Dezember. Der letzte Freitag vor Weihnachten. Und hier für viele soziale Projekte auch der letzte reguläre Arbeitstag. Die Geschenke aus dem Westen sind angekommen. Es sind absurd viele. Bis zu sieben Stück pro Kind.

Projekte, die Hilfsgüter an Familien mit geringem Einkommen verteilen, sind hier alles andere als selten. Das ganze Jahr über wird um Spenden in Form von Lebensmitteln, Kleidern, Schuhen, Windeln und Holz gebeten und diese verteilt. Wir haben mit vielen Kindern aus solchen Familien gearbeitet.
Jetzt, an Weihnachten, schreiben diese Familie Dankesbriefe an die Sponsoren im Westen. In den letzten Wochen habe ich einige dieser Briefe aus dem Rumänischen ins Deutsche übersetzt. An Weihnachten, wenn die Geschenke aus dem Westen kommen.

Viel dringender als Projektgebundene Spenden für neue Rollstühle oder Sachspenden bräuchten wir Geld für den laufenden Betrieb, um die Gehälter zu bezahlen. Doch für so etwas spenden die Menschen nicht gern.

(Sinngemäß nach einem rumänischen Arbeitskollegen)

Während wir die Spenden auspacken, sortieren wieder einpacken, häufen sich die traurigen Klischees. Die Kuscheltiere, die vor dem Versand nicht gewaschen wurden. Unvollständige Spiele. Für einige davon gibt es nur deutsche Anleitungen. Eine davon versuche ich im Laufe der nächsten Wochen zu übersetzen. Doch es dauert einfach zu lang und es gibt Wichtigeres zu tun. Ein etwas teureres Spiel ist auch dabei. Um es zu spielen, benötigt man eine CD. Die CD kann aber nur deutsch. Meine Kollegin erzählt, die habe eine angefangene Cremetube unter den Spenden gefunden.
Eine Weile mache ich mir Gedanken darüber, was Menschen sich beim Spenden denken oder nicht denken. Warum sie überhaupt spenden und weshalb dann ausgerechnet an einem Fest wie Weihnachten, zu dem, wie es scheint, viele ja gar keinen echten Bezug mehr haben, außer der Gewohnheit. Nach einer Weile gebe ich es auf. Aber so viel möchte ich sagen: Egal wohin wir auf der Welt auch gehen. Die Menschen sind überall dieselben. Sie sprechen normalerweise die Sprache ihrer Eltern und vielleicht noch ein oder zwei weitere ein wenig. Sie haben dieselben Bedürfnisse wie wir und dieselbe Abneigung dagegen, den Müll anderer Leute geschenkt zu bekommen. Ich weiß nicht, wie wir manchmal auf die Idee kommen, es wäre anders.