Sommersturm

Spürst du es? Heute zittert die Luft, weich und zärtlich, wie ein Windhauch im Sommer. Schließ die Augen und höre die Welt still stehen. Sie lauscht deinem Herzschlag. Lausche du ihrem Zittern.
Heute liegt eine Ruhe in jedem Stein. Eine Ruhe in jedem Atemzug. Von weit her weht der Wind und er bringt dich zum Zittern. Eine Vorfreude, wie Verliebtsein, nur unerforschter, wie das Gegenteil von unfassbarer Wut.
Was immer dich erfüllt, es braucht dich jetzt. Wind erhebt sich in deinen Haaren und fährt durch dein Gesicht. Ein Herzschlag, flatternd wie ein Vogel, will plötzlich stark und unantastbar sein. Jede Geste, jedes Wort und Ton, verwandelt nun ein Zittern in einen Sommersturm und alles dreht sich nur um dich.
Es ist ein Orkan, der die Wände davonreißt und von dort wo du stehst lässt du Berge wachsen. Du bist wie ein Engel. Deine Schultern schmerzen am Flügelansatz und deine Schwingen breiten sich aus, bis hinaus in den Sonnenaufgang.
In diesem einen Moment lässt sich alles ändern. Um dich herum zittert die Welt.
Hörst du es flüstern? Da weht ein Wind durch deine Federn.
Sei ein Schmetterling. Entfache den Sommersturm, mit einem Flügelschlag.

Natural Secrets

Haus der Schmerzen – Berlin

Die Seelen der Menschen weinen
In der Trauer brechen Fassaden
In unseren Schmerzen sind wir allein
In mir ertränkt sich ein Gedanke
eine Leere erfüllt den Verstand
hinein sinkt das Leid
saugt mich aus, es reicht nicht.
Tausende trauern um ihre Vergangenheit
Beten das aufhört, was geschehen ist
Wie viele tausend Jahre
die neue Generationen weinen
um dem gleich zukommen. Es reicht nicht.
Selbst wenn die Erinnerung schwindet
werden die Gräber bleiben.
Selbst wenn der Stein zerfällt,
die Betonmale brechen. Es reicht nicht.

Die Seelen der Menschen weinen.
Sie dürfen nicht aufhören.

LebensZeit

Ich lese viel in Büchern
Ihr wisst ja,
wie das ist.
Es hält einen fest
und lässt nicht mehr los.
Lebenszeit verstreicht
und es ist schön.

Das Leben ist nicht wie in Büchern.
Dort gibt es vieles
was immer wiederkehrt.
Du weißt ja,
wie das ist.
Die über alles perfekte Liebe,
die sich um tausend Schwierigkeiten
in die Ewigkeit windet.
Der blutig tobende Krieg
in dem tausende fallen
und manchmal auch jemand
für den die Geschichte
einen Namen kennt.

Hast du schon geweint?

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Eine Plastikschildkröte

und ein Lächeln

Der furchtbar langsame Regionalzug hat eben das für hiesige Verhältnisse einigermaßen große Dorf im Verwaltungsbezirk Timis verlassen. Rumänien, Banat, draußen ist alles flach wie ein Teppich auf dem Boden der Tatsachen und so sieht die ganze Landschaft von hier bis Belgrad aus: Flach.
Draußen hat es mindestens 28°C im Schatten, hier drinnen ist es nicht kühler, der Zug braucht eine Stunde bis in die nächste große Stadt. Soweit ich weiß gibt es keine Klimaanlage. Aber ich bin froh, dass es warm ist. Dann ist es zumindest nicht kalt. Und seien wir mal ehrlich: In Deutschland haben wir Klimaanlagen, die dafür andauernd ausfallen. Oder so kalt sind, dass wir uns davon mitten im Sommer einen Schnupfen holen.
Ich habe heute viel erlebt. Nicht im Sinne von zeitlich andauernd. Eher im Sinne von qualitativ hochwertig.

Draußen vor dem Fenster stehen Menschen und Tiere ohne Sonnenschutz in der Hitze des späten Nachmittags auf den Feldern. Ich möchte erzählen, was ich heute gesehen und gehört habe, doch ich weiß nicht wie. Wir sollten uns nicht an Klischees festhalten. Das ist wichtig, denn Klischees blockieren unser Denken, indem sie eine gewohnte Bahn anbieten, auf der wir andauernd und ohne Aufwand im Kreis denken können. Aber leider gibt es sie wirklich. Die großen Familien, die mit bis zu 17 Kindern auf einem Raum leben, der so groß ist wie bei uns manche Ein-Familien Wohnzimmer. Die Kinder, die bei ihren Eltern, Großeltern oder Tanten aufwachsen, weil die Eltern in Deutschland, Frankreich oder sonst wo im Westen arbeiten. Die Kinder, die in den Westen geschickt werden, um Geld zu erbetteln, anstatt zur Schule zu gehen.

Ein Rundgang durch das Dorf, durch das ganze Dorf, beinhaltet eine erschreckende Erkenntnis. Obwohl das Bürgermeisteramt für die Rumänen und die Rroma das selbe ist, läuft durch ihre Ansiedlungen eine unsichtbare Linie in Form einer Straße und es ist anhand der finanziellen Ausstattung, mit der die Häuser jeweils gebaut sind, nicht schwer zu erraten, wer auf welche Seite lebt.

Mit zwei Betreuerinnen aus der Tagesstätte für Rroma Kinder besuchten wir heute einige Familien, Erziehungsberechtigte, von Kindern, die schon länger nicht mehr in der Schule aufgetaucht sind.
Von einem der Jungen ist bekannt, dass er anstatt der Schule jeden Tag Kühe hüten geht. Die Betreuerin diskutiert mit den Eltern. Der Vater sagt es sei nicht seine Schuld, er würde ihn in die Schule schicken, aber der junge würde nicht wollen. Die Betreuerin droht, man wird den Jungen in ein Heim stecken. Der Vater sagt es, wäre ihm egal, solange er selbst dafür nicht ins Gefängnis müsse, denn er müsse sich noch um seine Familie kümmern und überhaupt wäre es ja nicht seine Schuld. Die Mutter sagt, der Junge höre nicht auf sie. Die Betreuerinnen sagen danach es sähe nicht gut aus, für den Jungen.
Bei einem anderen Jungen gibt es überhaupt keine Eltern sondern nur einen Opa.
Eine der Mütter hat Diabetes und eine schlecht behandelte, noch nicht ganz geschlossene Wunde am Bauch. Sie erzählt uns, sie habe große Schmerzen.

Dann stehen wir bei einem der Achtklässler im Innenhof, seine Eltern und er stehen, meine zwei Kolleginnen und ich müssen sitzen. Nachdem man uns allen einen Stuhl angeboten hatte, wofür die Mutter extra aufgestanden ist, wollte ich meinen Stuhl ablehnen, aber meine Chefin meinte, ich solle mich hinsetzen. Der Junge ist einer von denen, die ich am meisten mag, trotz seiner  kaum zu leugnenden Faulheit bei den Hausaufgaben. Doch seien wir mal ehrlich… achte Klasse. Natürlich hat er keine Lust auf Hausaufgaben. Fast niemand von uns hatte das. Ich kenne deutsche Schüler aus guten Familien, die in der achten Klasse bei Müller Süßigkeiten geklaut und an die Fünftklässler verkauft haben.
Die Betreuerin diskutiert mit den Eltern. Sie spricht den Jungen in gereiztem Tonfall an, doch er antwortet nicht und sieht auch niemanden an. Erst als wir schon am Gehen sind, seine Eltern und die Betreuerinnen bereits ein paar Schritte den Weg hinunter gegangen sind und ich mich in der Tür zu Hof noch einmal umdrehe, erst da hebt er den Kopf. Er sieht mich an und lächelt.

Am Nachmittag verteilen wir Sachspenden in der Tagesstätte. Da sind sie, die großen Kinder. Allen ist es peinlich, aber nicht peinlich genug, dass nicht trotzdem jeder und jede von ihnen ein Kuscheltier mit nach Hause nehmen will.
Ein Mädchen steht in einem Klassenzimmer. Die anderen sind schon am Gehen und sie sieht ihnen nach. In der Hand hält sie eine aufblasbare Plastik-Schildkröte für die Badewanne. Eine Schildkröte, von der sie hoffentlich etwas sehr wichtiges lernen wird. Etwas, das wir alle früher oder später lernen müssen, egal aus welchen Verhältnissen wir kommen. Ich hoffe, dass sie schwimmen lernt.

Das Wesen des Unklaren

Ohne Titel (1895)

Durch dieses Land streifte er
Wie ein Geist von Tür zu Tür;
Seine Hände umklammerten eine Laute
Und ließen süß sie klingen;

In seinen verträumten Melodien
Konntest du wie einen Sonnenstrahl
Die Wahrheit selber spüren
Und auch himmlische Liebe.

Die Stimme ließ manches Herz schlagen,
Das zu Stein geworden war;
Sie erleuchtete manchen Geist
In entlegenster Dunkelheit.

Doch statt Verherrlichung,
Wo immer die Harfe gespielt wurde,
Bot der Pöbel dem Geächteten
Ein mit Gift gefülltes Gefäß…

Und sprach zu ihm: >>Trink, o Verfluchter,
Dies ist deine Bestimmung!
Wir wollen deine Wahrheit nicht,
Noch deine himmlischen Melodien!<<

Quelle: Niemals eine Atempause –
Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert;
von Joachim Sartorius; Autor des Gedichts: Josef Stalin (1878-1953).

Wie verändert das Wissen um einen Autor den Text, den er geschrieben hat?