Der eine Ring

Wir einander – kaum gespürt
unsre Träume – unberührt
wohin hat uns das geführt?
Gedanken wild und ungeniert
Tränen wo der Tanz regiert
fallen bis sie jemand fängt

Doch ich hab mich an dich verschenkt
hab mich in deinem Wunsch ertränkt
dich um Zärtlichkeiten und Wahrheit bedrängt
mein Blick war durch ferne Ziele beschränkt
doch du hast mich befreit

Wir dafür – noch nicht bereit
unsre Leben – so viel Zeit
und das geträumte Hochzeitskleid?
Manche Pläne zeichnen Leid
Tränen geben wir Geleit
sie wandern bis jemand sie weint

Du hat es doch nicht so gemeint
auch wenn es hoffnungslos erscheint:
der Trotz der uns noch immer eint
die Leidenschaft, die weiter keimt
und Hoffnung hat uns neu verführt

Obwohl wir uns – zu oft gespürt
sind unsre Träume unberührt
und wohin haben sie geführt?
Gedanken frei und ungeniert
doch jetzt ist alles kompliziert.

MsH & Daydreams

Mein schwarzes Herz

Nach monatelanger Arbeit macht die Gestaltung meines ersten Gedichtsbandes Mein schwarzes Herz große Fortschritte. Severin Frank hat das Foto für das Titelbild geschossen, die Illustrationen sind alle zusammengestellt, nur ein Teil des Layouts fehlt noch.

Daydreams

Der erste Teil des surrealen Comics Daydreams von Feuerwicht ist aktuell auf einer Comic-Ausstellung in Tübingen zu sehen.
Die Texte zur Geschichte stammen von mir.

Eine Plastikschildkröte

und ein Lächeln

Der furchtbar langsame Regionalzug hat eben das für hiesige Verhältnisse einigermaßen große Dorf im Verwaltungsbezirk Timis verlassen. Rumänien, Banat, draußen ist alles flach wie ein Teppich auf dem Boden der Tatsachen und so sieht die ganze Landschaft von hier bis Belgrad aus: Flach.
Draußen hat es mindestens 28°C im Schatten, hier drinnen ist es nicht kühler, der Zug braucht eine Stunde bis in die nächste große Stadt. Soweit ich weiß gibt es keine Klimaanlage. Aber ich bin froh, dass es warm ist. Dann ist es zumindest nicht kalt. Und seien wir mal ehrlich: In Deutschland haben wir Klimaanlagen, die dafür andauernd ausfallen. Oder so kalt sind, dass wir uns davon mitten im Sommer einen Schnupfen holen.
Ich habe heute viel erlebt. Nicht im Sinne von zeitlich andauernd. Eher im Sinne von qualitativ hochwertig.

Draußen vor dem Fenster stehen Menschen und Tiere ohne Sonnenschutz in der Hitze des späten Nachmittags auf den Feldern. Ich möchte erzählen, was ich heute gesehen und gehört habe, doch ich weiß nicht wie. Wir sollten uns nicht an Klischees festhalten. Das ist wichtig, denn Klischees blockieren unser Denken, indem sie eine gewohnte Bahn anbieten, auf der wir andauernd und ohne Aufwand im Kreis denken können. Aber leider gibt es sie wirklich. Die großen Familien, die mit bis zu 17 Kindern auf einem Raum leben, der so groß ist wie bei uns manche Ein-Familien Wohnzimmer. Die Kinder, die bei ihren Eltern, Großeltern oder Tanten aufwachsen, weil die Eltern in Deutschland, Frankreich oder sonst wo im Westen arbeiten. Die Kinder, die in den Westen geschickt werden, um Geld zu erbetteln, anstatt zur Schule zu gehen.

Ein Rundgang durch das Dorf, durch das ganze Dorf, beinhaltet eine erschreckende Erkenntnis. Obwohl das Bürgermeisteramt für die Rumänen und die Rroma das selbe ist, läuft durch ihre Ansiedlungen eine unsichtbare Linie in Form einer Straße und es ist anhand der finanziellen Ausstattung, mit der die Häuser jeweils gebaut sind, nicht schwer zu erraten, wer auf welche Seite lebt.

Mit zwei Betreuerinnen aus der Tagesstätte für Rroma Kinder besuchten wir heute einige Familien, Erziehungsberechtigte, von Kindern, die schon länger nicht mehr in der Schule aufgetaucht sind.
Von einem der Jungen ist bekannt, dass er anstatt der Schule jeden Tag Kühe hüten geht. Die Betreuerin diskutiert mit den Eltern. Der Vater sagt es sei nicht seine Schuld, er würde ihn in die Schule schicken, aber der junge würde nicht wollen. Die Betreuerin droht, man wird den Jungen in ein Heim stecken. Der Vater sagt es, wäre ihm egal, solange er selbst dafür nicht ins Gefängnis müsse, denn er müsse sich noch um seine Familie kümmern und überhaupt wäre es ja nicht seine Schuld. Die Mutter sagt, der Junge höre nicht auf sie. Die Betreuerinnen sagen danach es sähe nicht gut aus, für den Jungen.
Bei einem anderen Jungen gibt es überhaupt keine Eltern sondern nur einen Opa.
Eine der Mütter hat Diabetes und eine schlecht behandelte, noch nicht ganz geschlossene Wunde am Bauch. Sie erzählt uns, sie habe große Schmerzen.

Dann stehen wir bei einem der Achtklässler im Innenhof, seine Eltern und er stehen, meine zwei Kolleginnen und ich müssen sitzen. Nachdem man uns allen einen Stuhl angeboten hatte, wofür die Mutter extra aufgestanden ist, wollte ich meinen Stuhl ablehnen, aber meine Chefin meinte, ich solle mich hinsetzen. Der Junge ist einer von denen, die ich am meisten mag, trotz seiner  kaum zu leugnenden Faulheit bei den Hausaufgaben. Doch seien wir mal ehrlich… achte Klasse. Natürlich hat er keine Lust auf Hausaufgaben. Fast niemand von uns hatte das. Ich kenne deutsche Schüler aus guten Familien, die in der achten Klasse bei Müller Süßigkeiten geklaut und an die Fünftklässler verkauft haben.
Die Betreuerin diskutiert mit den Eltern. Sie spricht den Jungen in gereiztem Tonfall an, doch er antwortet nicht und sieht auch niemanden an. Erst als wir schon am Gehen sind, seine Eltern und die Betreuerinnen bereits ein paar Schritte den Weg hinunter gegangen sind und ich mich in der Tür zu Hof noch einmal umdrehe, erst da hebt er den Kopf. Er sieht mich an und lächelt.

Am Nachmittag verteilen wir Sachspenden in der Tagesstätte. Da sind sie, die großen Kinder. Allen ist es peinlich, aber nicht peinlich genug, dass nicht trotzdem jeder und jede von ihnen ein Kuscheltier mit nach Hause nehmen will.
Ein Mädchen steht in einem Klassenzimmer. Die anderen sind schon am Gehen und sie sieht ihnen nach. In der Hand hält sie eine aufblasbare Plastik-Schildkröte für die Badewanne. Eine Schildkröte, von der sie hoffentlich etwas sehr wichtiges lernen wird. Etwas, das wir alle früher oder später lernen müssen, egal aus welchen Verhältnissen wir kommen. Ich hoffe, dass sie schwimmen lernt.