River’s End – Lyrics

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Eine schwierige Ballade

Zu River’s End sei zunächst gesagt, dass ich nach Bild einer Stadt eigentlich keinen Liedtext mehr allein geschrieben habe. Unser Schlagzeuger und ich schreiben gemeinsam, sodass jeder Text am Ende wenigstens zwei Leuten gefällt. Diese Art zu schreiben ist unglaublich hilfreich, um andauernde Wiederholungen von Stilen und Bildern zu vermeiden. Außerdem bewahrt sie mich davor, allzu sehr ins kitschige abzudriften. Hier zeigt sich auch eine grundlegende Charakteristik von Gedichten und verwandten Textarten: Obwohl wir gemeinsam schreiben und über verwendete Metaphern diskutieren, sind wir am Ende nicht immer ganz einer Meinung, was das gewählte Bild nun bedeutet. Aber das nur als Randnotiz.
River’s End zu schreiben war deutlich weniger spontan, als dies bei vielen anderen meiner Texte der Fall ist. Mit der Flüchtlingsdebatte überall um uns herum, hatten wir den naheliegenden Gedanken, ein Lied zum Thema Flucht zu schreiben. Es sollte aber kein politisch geprägtes Stück werden. Stattdessen wollten wir die emotionale Perspektive eines Fliehenden einnehmen. Mit der Umsetzung dieser Idee haben wir es uns nicht leicht gemacht. Uns war bewusst, dass wir nicht in der Position sind, die Situation eines Flüchtlings wirklich zu verstehen. Wir versuchten, eine Geschichte über etwas zu schreiben, von dem wir nur Geschichten kannten. Dabei wollten wir unter keinen Umständen respektlos gegenüber denen sein, die diese Realität erleben und erlebt haben, indem wir Geschehnisse in unserem Unwissen über- oder unterdramatisieren.
Im Ergebnis ist River’s End dadurch weniger emotional, als ich es mir am Anfang vorgestellt hatte. Es hat sich von der Komplexität der Erlebnisse ein wenig gelöst und konzentriert sich auf Erfahrungen, die jeder von uns wahrscheinlich schon gemacht hat: Loslassen müssen und hoffen. Und trotz unserer anfänglichen Absicht neutral zu bleiben, enthält es am Ende doch noch eine Aufforderung an uns alle.

Flammen entzünden die Tage.
Sie waren blind für die Funken.

Es sind stellvertretende Flammen für alles, was ein Leben so sehr aufrütteln kann, dass es aus den Fugen gerät. Es sind nicht nur Kriege und Naturkatastrophen, manchmal reicht schon der Verlust einen Arbeitsplatzes. Überraschend und zur falschen Zeit. Es kann überall passieren. Auch hier.
Die Menschen, die die Funken nicht sehen, sind nicht die Betroffenen, sondern diejenigen, die das Feuer gelegt haben. Unwissentlich oder mit geschlossenen Augen.

Dürrer Mann, der uns Traurigkeit und Angst anbot
bringt uns dazu, nach einem neuen Zuhause zu suchen,
forderte alles für seinen Thron.
Da gab es nichts mitzunehmen, zu den Wellen,
außer einem hoffnungsvollen Abschied und meinem Leben.

In der ersten Fassung des Textes hieß es nicht „dünner Mann“ (Thin man), sondern einfach „seltsamer Mann“ beziehungsweise Fremder (Strange man). Diese Textstelle wurde so spät geändert, dass ich mich bis heute auf der Bühne regelmäßig dabei erwische, dass ich „strange“ singe, während ich den Rest des Liedes eigentlich fehlerfrei auswendig kann. Dieser Mann ist das Gefühl, wenn einem plötzlich alles entrissen wird, was man aufgebaut und erarbeitet hat, sodass außer einem Neuanfang nichts übrigbleibt. In diesem Sinne löst sich River’s End von dem Gedanken der Flucht und begleitet jeden, der im Leben viel verloren hat.

Ich werde Briefe und Tränen meiner Kinder und Freunde mitnehmen,
zu dem Ort, an dem der Fluss endet.

Briefe und Tränen oder auch Erinnerungen und das Wissen, vermisst zu werden.

Eines Tages wünscht es sich, zurückzukehren,
zu dem Ort, an dem es alle seine Liebe zurückließ,
in einem Moment aus Hoffnung und Abschied.

Egal wie es dazu kommt: Was kann schlimmer sein, als geliebte Menschen zurücklassen zu müssen? Sie zurückzulassen, weil man sie liebt?

Nun haben wir eine Zukunft zu bauen.
Hätten wir keine übereinstimmenden Narben gefunden…
unsere Welten würden getrennt bleiben.

Es ist kein einfacher Zugang zu einem Menschen. Doch wenn er gelingt, kann er sehr tragfähige Verbindungen bauen: Gemeinsam erlebte oder gegenseitig verstandene schmerzhafte Erlebnisse. So unterschiedlich Kulturen und die einzelnen Menschen darin auch sind: Unsere Antriebe, Ängste und unsere Verletzlichkeit sind einander sehr viel ähnlicher, als wir uns oft eingestehen wollen.
Die Menschheit hat nicht nur in der Natur, sondern auch in der weltweiten Gesellschaft Entwicklungen angestoßen, die wir nicht einfach zurücknehmen können. Ich halte es für möglich, dass wir auch von manchen der uns vertrauten Strukturen und Gewohnheiten Abschied nehmen müssen. In der Hoffnung, dass unser Weg beinahe ein Rundgang ist, der uns wieder zu diesen Strukturen zurückführt. Sobald wir gelernt haben, wie wir sie verbessern können. Je früher wir anfangen darüber nachzudenken und uns bewusst zu ändern, desto schneller und schmerzloser könnte diese „Reise zum Ende des Flusses“ wieder vorbeigehen.
Das ist die Hoffnung, die uns oft weitermachen lässt: Dass wir zum Guten zurückkommen, wenn wir nur weit genug vorwärts gehen. River’s End hingegen endet mit einer der größten Ängste: Irgendwann anzukommen und festzustellen, dass der Weg nicht im Kreis geführt hat und dass ein Neubeginn nur möglich ist, wenn wir unsere Vergangenheit zurücklassen.

Nur Briefe und Tränen von meinen Kindern und Freunden
finden den Ort, an dem der Fluss endet.

Song of Sorrow – Lyrics

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Erinnerung an Metal

Bei beinahe jedem Auftritt erzähle ich die Geschichte von den Anfängen von CatoD als Metalband. Die meisten von euch wissen inzwischen, wie unsere Band anfing: Schlagzeug, zwei Gitarren, ein Bass, Gesang und der Traum, irgendwann eine Metalband zu haben. Im Nachhinein bezweifle ich, dass wir uns jemals auf eine Sorte Metal hätten einigen können. Schon meine Vorliebe für Nightwish und Verwandte, hätte sich auf Dauer nur schwer mit folgender scherzhaften Aussage eines meiner Kollegen in Einklang bringen lassen: „Mit einem Keyboard spiel ich aber nicht in der Band!“ Ihr alle wisst, dass es mit der Metal Band dann auch nicht lang gehalten hat.
Wieso erzähle ich das jedes Mal bevor wir Song of Sorrow spielen? Dafür gibt es zwei Gründe:
1) Ich bin nicht besonders gut darin, mir Ansagen auszudenken. Lustige Texte passen nicht zur Musik und ohnehin könnte ich auf der Bühne niemals überzeugend Witze erzählen. Spontan irgendwas zu reden, das sich anfühlt, als würde es lohnen gehört zu werden, ist aber auch nicht mein Fall.
2) Song of Sorrow fällt selbst in unserer Musik ziemlich auf und ich glaube, ich habe aus irgendwelchen Gründen das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen. Übertrieben gesprochen habe ich Albträume davon, dass wir Song of Sorrow spielen und währenddessen das Publikum den Saal verlässt. Denn obwohl Song of Sorrow aus unseren Metalband-Zeiten stammt, ist auch vielen Metalfans die Kombination aus hohem Beinahe-Sprechgesang und harten Riffs auf dem Keyboard etwas zu abwegig. Wieso spielen wir das Stück trotzdem?

Song of Sorrow wurde zwar in der alten CatoD Besetzung begonnen, dort aber nie vollständig zu Ende geschrieben. Dann waren wir plötzlich nur noch zu dritt (Keyboard, Schlagzeug, Gesang). Wir begannen, uns aneinander und an das gemeinsame Liederschreiben heranzutasten. Was schien da naheliegender, als erstmal das umzuschreiben (Bild einer Stadt) und fertig zu schreiben (Song of Sorrow), was es schon gab? Und es hat Spaß gemacht. Song of Sorrow zu singen macht mir Spaß. Trotzdem gebe ich gern zu, dass es sich von einem Mann und mit gutturalem Gesang sicher deutlich beeindruckender anhören würde. Sollte unser Programm jemals zu lang für unsere Auftritte werden, so wird Song of Sorrow wohl als eines der ersten Stücke auf die Ersatzbank rutschen müssen. Ein Grund mehr, es bis dahin jedes Mal zu genießen. :D

Kommen wir zum Text.
Er beginnt mit Dunkelheit und Licht (natürlich nicht ganz so viel Licht wie Dunkelheit) und Drama. Wirklich interessant wird es in der dritten Zeile:

Jetzt wünsche ich mir, eine Antwort darauf zu finden, weshalb wir alle sterben müssen.

Gemeint ist hier gar nicht so sehr das Sterben im körperlichen Sinne. Es bezieht sich eher auf das vergessen werden nach dem Tod. Also auf das Verschwinden jeder Erinnerung an das Leben, das man geführt hat.
In der vierten Zeile verwirrt wohl vor allem die Wahl der Pflanze. Wieso Ringelblumen?

Unsere Ringelblumen verwelken noch während wir am Leben sind.

Was mir auch erst bei der Recherche für das Lied klar wurde: Ringelblumen (engl. Marigold – Mariengold) haben eine Vielzahl symbolischer Bedeutungen und sind unter anderem auch Friedhofsblumen.

Alles was wir immer hören wollen ist, wie schön wir sind,
während die Grazie der Welt in stummen Ängsten verloren geht.

Auch sehr blumig ausgedrückt, aber die Botschaft ist klar: Anstatt uns darum zu kümmern, dass wir in unserem gesellschaftlichen Umfeld gut dastehen, sollten wir uns etwas mehr darum kümmern, was diese Gesellschaft eigentlich belastet. Und dabei besonders achtgeben auf das, was uns nicht sofort ins Auge springt.

Nun sind wir an die Erwartung gebunden, dass ein Erbe gemacht ist, um zu überdauern
und weinen uns selbst in den Schlaf, während wir Träume in der Ferne verstecken.

Oder anders ausgedrückt: Wir sollten unsere Träume leben, solange wir sie haben, anstatt Besitz anzuhäufen, der uns irgendwann nichts nützen wird. Ja, das klingt ein wenig nach einem
Bibelgleichnis. Und ein bisschen nach Bild einer Stadt.

Wir schlafen ein…
und im Spiegel meiner Träume sehe ich, dass Geschichten immer enden.
In mir selbst verloren hoffe ich, dass ich heute in deinen Augen sehe,
dass du kommst, um mein Leben zu verschonen.
Komm und bewahre mein Leben tief in deinen leeren Augen.

Am Ende müssen wir ja doch alle sterben. Und ich hoffe, dass du dich an mich erinnern wirst.
Ein guter Freund von mir hat vor Jahren in der Schülerzeitung unserer Schule ein Gedicht veröffentlicht, an das er sich wahrscheinlich schon fast selbst nicht mehr erinnert. Darin, wenn ich mich richtig erinnere, lautete eine Zeile etwa: „Ich warte auf Interesse an mir“. Das trifft für mich die Metapher der leeren Augen sehr gut und erklärt auch den nächsten Satz:

Was wir niemals verstehen werden: Höflichkeit wird immer lügen.
Die Worte eines Fremden überdauern nur so lange, wie die Wahrheit sie an Herzen bindet.

Oder etwa, als lyrisches Ich gesprochen: Es ist nett, dass ihr höflich und nett zu mir seid. Doch ich warte auf jemand, der echtes Interesse an mir hat.

Nun kennst du des Rätsels Ende, weshalb wir alle sterben müssen.

Aber:

Du wirst kommen und mein Leben bewahren. Noch einen weiteren Tag.

Im Nachrichtenzeitalter

Wir stehn in der Mitte einer Welt
die wandert mit der Zeit
Das Universum dehnt sich aus
nur wir sind noch nicht bereit.

Für Zeiten regierte das Leben die Welt.
Für viele noch heute alles was zählt.
Eine Zeit lang vielleicht, lag die Macht in der Stärke
doch im heute und jetzt, regieren Worte.

Wenig mehr als ein Satz
überzieht uns mit Terror und Schmerz
birgt Frieden als heiligen Schatz
und Tod für Stumme wie Sänger.

Hier stehen wir jeden Tag
und lesen verzweifelt im Untergang
lauschen Geschrei, mit dem es begann
doch unsere eigene Stimme verzagt.

Eine Zeit lang vielleicht, lag die Macht in der Stärke
doch die Menschheit lebt heute aufgrund starker Worte
Wir alle lesen, wir alle schreiben
und das meiste davon heimlich und leise.

Und ich erwarte nicht, dass wir kämpfen,
denn auch ich bin zu schwach
Ich flehe uns an: Erwacht! und schreit!
Lest nicht und wartet, schreibt!
Sodass alle euch sehen und verstehn.
Hören wir auf gemeinsam auf einem Schweigemarsch
ins Unverständnis zu gehn
und dabei in der Sprache der Weisheit zu flüstern.

Noch stehen wir hier, in der Mitte einer Welt
die springt in der Zeit
der Horizont wird klein und verschwinden
Sind wir bereit?

Licht ins Dunkel

Wie bringen wir Licht in ein Dunkel
in das wir nicht wagen
auch nur einen Fuß zu setzen?

Nimm ein Streichholz und halte es tief hinein
Was immer brennen kann wird brennen
und am Ende wieder schwarze Asche sein

Menschen in Angst erstarren
oder vergehen in Raserei
Doch um ein Herz zu verwandeln
darfst du dich nicht fürchten
in Herzenskälte und Dunkelheit

LebensZeit

Ich lese viel in Büchern
Ihr wisst ja,
wie das ist.
Es hält einen fest
und lässt nicht mehr los.
Lebenszeit verstreicht
und es ist schön.

Das Leben ist nicht wie in Büchern.
Dort gibt es vieles
was immer wiederkehrt.
Du weißt ja,
wie das ist.
Die über alles perfekte Liebe,
die sich um tausend Schwierigkeiten
in die Ewigkeit windet.
Der blutig tobende Krieg
in dem tausende fallen
und manchmal auch jemand
für den die Geschichte
einen Namen kennt.

Hast du schon geweint?

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Eine Lebensgeschichte

Die kurze Erzählung einer wahren Lebensgeschichte. Aus Rumänien.

Die Tagesstätte für körperlich und geistig schwer beeinträchtigte Kinder und Jugendliche liegt eine halbe Autostunde von der nächsten größeren Stadt entfernt. Eigentlich sollen die Kinder hier nur bis zu ihrem 18 Lebensjahr betreut werden, doch wenn Plätze frei sind, dürfen sie länger bleiben.
Nicht alle Kinder hier sind von ihrem Elternhaus her sozial benachteiligt. Viele aber schon.

Das Mädchen von dem ich erzählen möchte ist 16 Jahre alt. Sie hat, bedingt durch ihre Krankheit, keinerlei Geduld. Sie kann nicht still sitzen, redet ununterbrochen. Ihre Hände verknoten sich dabei unkontrolliert und hektisch, solange sie nichts anderes zu tun hat. Gibt man ihr etwas anderes zu tun, so tut sie es so schnell wie möglich. Sich zu konzentrieren fällt ihr unfassbar schwer.
Ihr familiäre Situation ist kompliziert. Sowohl Vater als auch Mutter sind geistig leicht beeinträchtigt, ihre beiden Brüder sind es nicht. Der ältere der beiden arbeitet im Ausland, die Mutter hat einen kleinen Job, der Vater hilft von Frühjahr bis Herbst in einem anderen Dorf bei der Gartenarbeit.
Ursprünglich hatte das Mädchen eine Nachmittagsbetreuung für alle Kinder besucht. Erst während diesem Programm fiel ihre Beeinträchtigung das erste Mal wirklich auf. Zuvor hatte sie keinerlei Papiere über ihre Einschränkung, auch über ihre Eltern gibt es höchstwahrscheinlich diesbezüglich keine Unterlagen. Die Situation ist kein Einzelfall.
Wirklich schwierig wird es allerdings durch die fernere Verwandtschaft. Der Bruder des Vaters ist Ingenieur und Politiker, der durch die Familie des Mädchens einen Fleck auf seinem Lebenslauf befürchtet. Er hat durchgesetzt, dass das Mädchen zeitweise eine Schule in der Stadt besucht hatte, wo sie zusammen mit ihrem jüngeren Bruder in einer Klasse war. Von Seiten der Tagesstätte wurde das Vorhaben von Anfang an nicht unterstützt. Es gibt in der Stadt keine Schule mit einer integrativen Klasse. Das Erlebnis war sowohl für das Mädchen als auch für ihren jüngeren Bruder katastrophal. Am Ende weigerte sie sich, weiter diese Schule zu besuchen und kehrte in die Tagesstätte zurück.
Die strukturellen Defizite, die einen Schulbesuch unmöglich machen, lassen auch die Zukunft des Mädchens dunkel aussehen. Die Betreuer der Tagesstätte sprechen ihr eine hohe praktische Intelligenz zu und glauben, dass sie unter ein wenig Anleitung später gut allein wohnen könnte. Doch die in Frage kommenden Einrichtungen nehmen nur noch Menschen direkt aus der Kernstadt, da sie vollkommen überlaufen sind. Zudem ist offen, ob die Mutter einem solchen Umzug überhaupt zustimmen würde, da sie selbst mit dem Haushalt überfordert und auf die Hilfe ihrer Tochter angewiesen ist.

Für viele der dort untergebrachten Kinder ist die Tagesstätte der einzig mögliche Anlaufpunkt. Die spezialisierten Einrichtungen in der Stadt haben nicht genügend Plätze, zudem haben die Eltern in vielen Fällen keine Möglichkeit, ihre Kinder dorthin zu bringen.
Das Projekt der Tagesstätte bekommt Spenden, auch aus Deutschland und Österreich, es ist lose an die Caritas angebunden. Trotzdem herrscht gravierender Personalmangel, die Löhne der Betreuer sind erschreckend niedrig, durch das fehlende Personal fehlen auch wieder Plätze für weitere Kinder, es gibt eine Warteliste.
Leider sind die meisten der abgegebenen Spenden an Sonderaktionen gekoppelt. Wie zum Beispiel an den Kauf eines neuen Autos oder Kühlschranks. Kaum etwas wird für den alltäglichen Betrieb und die dauernd anfallenden Rechnungen gespendet. Der Staat deckt weniger als 12% der laufenden Kosten.

Reich beschenkt

Es ist der 19. Dezember. Der letzte Freitag vor Weihnachten. Und hier für viele soziale Projekte auch der letzte reguläre Arbeitstag. Die Geschenke aus dem Westen sind angekommen. Es sind absurd viele. Bis zu sieben Stück pro Kind.

Projekte, die Hilfsgüter an Familien mit geringem Einkommen verteilen, sind hier alles andere als selten. Das ganze Jahr über wird um Spenden in Form von Lebensmitteln, Kleidern, Schuhen, Windeln und Holz gebeten und diese verteilt. Wir haben mit vielen Kindern aus solchen Familien gearbeitet.
Jetzt, an Weihnachten, schreiben diese Familie Dankesbriefe an die Sponsoren im Westen. In den letzten Wochen habe ich einige dieser Briefe aus dem Rumänischen ins Deutsche übersetzt. An Weihnachten, wenn die Geschenke aus dem Westen kommen.

Viel dringender als Projektgebundene Spenden für neue Rollstühle oder Sachspenden bräuchten wir Geld für den laufenden Betrieb, um die Gehälter zu bezahlen. Doch für so etwas spenden die Menschen nicht gern.

(Sinngemäß nach einem rumänischen Arbeitskollegen)

Während wir die Spenden auspacken, sortieren wieder einpacken, häufen sich die traurigen Klischees. Die Kuscheltiere, die vor dem Versand nicht gewaschen wurden. Unvollständige Spiele. Für einige davon gibt es nur deutsche Anleitungen. Eine davon versuche ich im Laufe der nächsten Wochen zu übersetzen. Doch es dauert einfach zu lang und es gibt Wichtigeres zu tun. Ein etwas teureres Spiel ist auch dabei. Um es zu spielen, benötigt man eine CD. Die CD kann aber nur deutsch. Meine Kollegin erzählt, die habe eine angefangene Cremetube unter den Spenden gefunden.
Eine Weile mache ich mir Gedanken darüber, was Menschen sich beim Spenden denken oder nicht denken. Warum sie überhaupt spenden und weshalb dann ausgerechnet an einem Fest wie Weihnachten, zu dem, wie es scheint, viele ja gar keinen echten Bezug mehr haben, außer der Gewohnheit. Nach einer Weile gebe ich es auf. Aber so viel möchte ich sagen: Egal wohin wir auf der Welt auch gehen. Die Menschen sind überall dieselben. Sie sprechen normalerweise die Sprache ihrer Eltern und vielleicht noch ein oder zwei weitere ein wenig. Sie haben dieselben Bedürfnisse wie wir und dieselbe Abneigung dagegen, den Müll anderer Leute geschenkt zu bekommen. Ich weiß nicht, wie wir manchmal auf die Idee kommen, es wäre anders.