Der Mann vom Silbersee

An manchen seltsamen Tagen fällt einem die Müdigkeit wie weiße Schleier vor die Augen. Und während man sich in der Gewissheit wähnt, dass man wach und den Umständen entsprechend konzentriert ist, treibt der Geist weiter und lässt einen zurück, wo auch immer man dann ist. Als der Schleier sich wieder erhob war ich nicht dort, wo ich dachte zuvor gewesen zu sein. Ein Traum forderte sein uraltes Recht, immer der Wahrheit zu entsprechen, egal was die Welt ansonsten dazu sagt.

Ich spürte das Chaos lange bevor es mich, bevor ich es, erreichte.
Es war eine von Farben durchsetzte Schwärze, ein Strudel, der nicht das ganze Blickfeld ausfüllte und doch alles andere verdeckte. Alles andere, auf das ich zuvor einen flüchtigen Blick hatte erhaschen können, von dem ich mich aber nicht erinnern konnte, worum es sich gehandelt hatte.
In einer Ecke steht ein Haus. Ohne Wand. Mit einem Dach, das von vier dünnen Stäben getragen wird und sich beinahe auflöst. Es ist bewohnt von Geistern. Sie kommunizieren mit mir und verhalten sich, als wären sie Menschen. Das Chaos fließt durch die Fenster herein und fordert meine Aufmerksamkeit, indem es sich wie ein durchscheinendes Seidentuch über die Szenerie legt. Es hat etwas aufblühendes, in meiner Angst zu versinken.
Im Innenraum des Hauses zieht die Bar an mir vorbei. Stühle und Tische, goldgeschnitzte Säulen und Flügeltüren öffnen sich zu einer atemberaubenden Landschaft. Das Wasser berührt beinahe meine Füße. In einem silbernen Fluss windet es sich langsam bergab. Ich kenne diesen Fluss. Er floss vor beinahe drei Jahren aus der Feder meines Lieblingsfüllers. Das Meer ist kleiner geworden seitdem. Es ist fast nur noch ein See. An seinem Ufer grasen Pferde mit schwarzem Fell. Sie fressen den Goldregen, dessen Äste wie bei einer Trauerweide über die Wasseroberfläche streifen. Die Ruhe in meinem Herzen droht jeden Moment überzulaufen.

Hast du mir ein Geschenk mitgebracht?
Dachte der Silber. Er steht neben mir und sieht wie ich aufs Meer hinaus. Es schimmert grau und der Mond spiegelt sich darin. Daneben steht ein schwarzes Ross und blickt zum Trauerregen hinauf.
Diesmal noch nicht, sprach ich zur Antwort. Doch wir werden uns wiedersehen.

Als der Schleier sich wieder erhob in dem Saal, der gefüllt mit Menschen und Konzentration, solange auf mich gewartet hatte, da war mein Stift nicht dort, wo ich dachte zuvor gewesen zu sein und die Worte auf dem Papier kannte ich nicht.

Sonne, Sand und Dreck

[…] An diesem Strand hatten die Menschen den Sand gestohlen, weil sie ihn zu schön fanden, um ihn nur ein paar Augenblicke lang zu sehen. Nun war beinahe nichts mehr davon übrig und sie würden ihn daher nie wieder sehen. Alles was davon noch blieb waren die Krümel, die sie davon nach Hause getragen hatten. Die waren jetzt über die Welt verteilt und somit für diese verloren.

Die letzten Reste dieses Strandes darf nun niemand mehr betreten. Und irgendwo auf Fenstersimsen stehen stattdessen kleine Strände, die dazu gedacht sind, verzweifelten Menschen ein Stück Urlaub in ihren Alltag zu tragen. Dabei wird allerdings gern übersehen, dass auch ein Souvenir nur eine Stütze der Erinnerung und nicht die Erinnerung selbst ist. Wer keine Zeit hat sich zu erinnern, den wird auch ein Stück gestohlendes Glück nicht die Entspannung eines vergangenen Augenblicks bewahren. […]

[…] Auf einer traumhaft malerischen Insel stiegen wir am Nachmittag zu einem Gipfelkreuz hinauf. […] Dorthin führte ein steiniger, kleiner Weg. […] Die Sonne spiegelte sich in Sandkörnern und Glasscherben und neben dem Pfad lagen malerisch hingestreut kleine Felsen, von denen manche aussahen wie wertlose Mineralien, andere wie Bruchstücke von Fliesen und einige wie große Reste Styropor. An niedriegen Sträuchern flatterten bunte Plastiktüten im stürmischen Wind. […] An einer Stelle schien es fast, als würde der illegale wirkende Hang aus Schutt und Ziegelsteinen bald in die unterlegene Wohnsiedlung abrutschen.

[…] Verschmutzung von fremder Schönheit hat einen seltsamen Beigeschmack. Ebenso, wie wir die schönen Erinnerungen manchmal zu vergessen scheinen, sobald wir in unser Leben zurückgekehrt sind, vergessen wir auch den Schmutz und den Dreck. Nur, dass wir die Schönheit gerne mit nach Hause nehmen und den Dreck dort zurücklassen.