Lügen dieser Zeit

Lügen dieser Zeit

Blut an der Wand
und die Zeit
in meinen Händen
steht still,
läuft ab;
träumend
von der Zukunft.

Schwarz
glänzen deine Gedanken.
Nebel trübt
eine gläserne Klarheit.
Keine Erinnerung.
Du träumst
von Vergangenheit.

Federleicht
hängen deine Worte
in lauwarmer Luft.
Du lächelst höflich,
schönste Lüge
und es gibt keine Gegenwart.
Nur Träume.

Das Wesen des Unklaren

Ohne Titel (1895)

Durch dieses Land streifte er
Wie ein Geist von Tür zu Tür;
Seine Hände umklammerten eine Laute
Und ließen süß sie klingen;

In seinen verträumten Melodien
Konntest du wie einen Sonnenstrahl
Die Wahrheit selber spüren
Und auch himmlische Liebe.

Die Stimme ließ manches Herz schlagen,
Das zu Stein geworden war;
Sie erleuchtete manchen Geist
In entlegenster Dunkelheit.

Doch statt Verherrlichung,
Wo immer die Harfe gespielt wurde,
Bot der Pöbel dem Geächteten
Ein mit Gift gefülltes Gefäß…

Und sprach zu ihm: >>Trink, o Verfluchter,
Dies ist deine Bestimmung!
Wir wollen deine Wahrheit nicht,
Noch deine himmlischen Melodien!<<

Quelle: Niemals eine Atempause –
Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert;
von Joachim Sartorius; Autor des Gedichts: Josef Stalin (1878-1953).

Wie verändert das Wissen um einen Autor den Text, den er geschrieben hat?

Sonne, Sand und Dreck

[…] An diesem Strand hatten die Menschen den Sand gestohlen, weil sie ihn zu schön fanden, um ihn nur ein paar Augenblicke lang zu sehen. Nun war beinahe nichts mehr davon übrig und sie würden ihn daher nie wieder sehen. Alles was davon noch blieb waren die Krümel, die sie davon nach Hause getragen hatten. Die waren jetzt über die Welt verteilt und somit für diese verloren.

Die letzten Reste dieses Strandes darf nun niemand mehr betreten. Und irgendwo auf Fenstersimsen stehen stattdessen kleine Strände, die dazu gedacht sind, verzweifelten Menschen ein Stück Urlaub in ihren Alltag zu tragen. Dabei wird allerdings gern übersehen, dass auch ein Souvenir nur eine Stütze der Erinnerung und nicht die Erinnerung selbst ist. Wer keine Zeit hat sich zu erinnern, den wird auch ein Stück gestohlendes Glück nicht die Entspannung eines vergangenen Augenblicks bewahren. […]

[…] Auf einer traumhaft malerischen Insel stiegen wir am Nachmittag zu einem Gipfelkreuz hinauf. […] Dorthin führte ein steiniger, kleiner Weg. […] Die Sonne spiegelte sich in Sandkörnern und Glasscherben und neben dem Pfad lagen malerisch hingestreut kleine Felsen, von denen manche aussahen wie wertlose Mineralien, andere wie Bruchstücke von Fliesen und einige wie große Reste Styropor. An niedriegen Sträuchern flatterten bunte Plastiktüten im stürmischen Wind. […] An einer Stelle schien es fast, als würde der illegale wirkende Hang aus Schutt und Ziegelsteinen bald in die unterlegene Wohnsiedlung abrutschen.

[…] Verschmutzung von fremder Schönheit hat einen seltsamen Beigeschmack. Ebenso, wie wir die schönen Erinnerungen manchmal zu vergessen scheinen, sobald wir in unser Leben zurückgekehrt sind, vergessen wir auch den Schmutz und den Dreck. Nur, dass wir die Schönheit gerne mit nach Hause nehmen und den Dreck dort zurücklassen.